19Aug/095

Wahlkrampf 2.0

Barack Obama ist der wohl netzaffinste Präsident aller Zeiten. Daran besteht kein Zweifel, denn sowohl seit dem Start seiner Regierungszeit, als auch vor allem im Wahlkampf setzte Obama das Netz ein wie kein Kandidat vor ihm. Viele Analysten und Experten sind der Meinung, dass er ohne das Internet niemals so weit gekommen wäre.

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Aber auch ohne diese Annahme ist eins klar: Das Internet ist im Wahlkampf wichtiger als je zuvor. Und so ist es kein Wunder, dass auch die deutschen Parteien dieses mal online voll dabei sein wollen. Twitteraccounts der Parteien, StudiVZ-Profile und YouTube-Videos sollen es online richten. Theoretisch. Wer genauer hinschaut erkennt nämlich: Keiner interessiert sich dafür.

In Amerika leben etwa 305 Millionen Menschen - ungefähr 2 Millionen davon folgen Barack Obama bei Twitter. Das sind immerhin knapp 0,66% der amerikanischen Bevölkerung. Dem Twitteracount der SPD folgen 3700 Personen. 0,0046% aller Deutschen. Bei der CDU sind es sogar 1500 Follower - also weniger als 0,001%.

Natürlich sind dort auch Multiplikatoren (Medien, Meinungsführer) dabei und natürlich ist es richtig zu twittern. Trotzdem ist es im deutschen Wahlkampf ein völlig überbewertetes und im Grunde für die Wahl unentscheidendes Tool. Mit jeder Rede in einer normalen deutschen Stadt erreicht man mehr Menschen als die CDU und die SPD gemeinsam über Twitter.

Ein anderes Beispiel: In der ebenfalls stark gehypten Wahlzentrale von StudiVZ besitzt Angela Merkel mit ungefähr 63.000 Anhängern die Meisten. Das sind 0,084% aller Deutschen. Bei Obama sind es über 6,6 Millionen Fans auf Facebook (mehr als 2% aller Amerikaner).

Beim  Betrachten der Zahlen wird klar: die deutschen Parteien betreiben Web 2.0 Wahlkampf - und keiner merkts. Das es dabei nicht an zu wenigen netzaffinen Menschen in Deutschland liegen kann zeigt der Erfolg der Piratenpartei.

Der Onlinewahlkampf der großen Parteien wirkt wie ein billiger Obama-Abklatsch. Es ist einfach unglaubwürdig, dass die Politiker denen das Internet bei der letzten Wahl noch völlig egal war jetzt auf einmal online punkten wollen. Wenn dann im Tagesgeschäft der Politik noch gezeigt wird, dass leider zu oft kein Wissen darüber vorhanden ist, wie die neuen Medien wirklich funktionieren, verwundert das Ergebnis nicht. Der Eklat mit den Internetsperren oder die Killerspieldiskussion zeigen das überdeutlich. Das Internet wird als rechtsfreier Raum und der Computer als Übungsmaschine zum Töten abgestempelt. Dass die Internetgemeinde dann nicht sehnsüchtig auf den Twitteraccount der CDU wartet und in Jubelstürme ausbricht ist daher mehr als verständlich. Und richtig!

Bevor online erfolgreich Wahlkampf gemacht werden kann, müssen auch die politischen Inhalte zum Netz passen. Nur weil die SPD jetzt twittert, wird sie keiner wählen ..

Update:
Jerome weißt darauf hin, dass Obama auch viele nicht-amerikanische Fans hat. Das ist richtig und sollte auch erwähnt werden. An den Kräfteverhältnissen ändert es jedoch nichts. Es ist sogar ganz interessant weil es heißt, dass einige Deutsche eventuell eher Obama unterstützen als einen deutschen Politiker.

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Kommentare (5) Trackbacks (0)
  1. ” Das die Internetgemeinde” im vorletzten Satz: bitte ein dass und kein das ;) sonst gut & richtig

  2. War mir nicht ganz sicher, hätte ich mal auf mein Gefühl gehört ;-) Ist korrigiert – danke für den Hinweis.

  3. Unglaubwürdiger Web 2.0 Wahlkampf der Grossen ist genau die richtige Beschreibung. Ob die Piraten davon nutznießen, werden wir sehen.

    Ronny

  4. “Bei Obama sind es über 6,6 Millionen Fans auf Facebook (mehr als 2% aller Amerikaner).”

    Ja, aber…
    …Obama ist ein weltweit populärer Mann. Auch viele Deutsche sind bei Facebook Obama-Fans. Weniger als ein Zehntel aller Amerikaner ist Facebook-Mitglied.

  5. Ja natürlich ist nicht jeder Amerikaner angemeldet bei Facebook, was aber eigentlich egal ist, denn bei der Frage ob etwas effektiv ist geht es ja um die Gesamtbevölkerung, und nicht um Facebook. Schließlich wählt auch die gesamte Bevölkerung und nicht die Facebook-Mitglieder am Ende.

    Und auch ja: Natürlich hat Obama auch viele Fans aus anderen Ländern. Das lässt sich nicht rausfiltern. Erwähnen sollte man es trotzdem und so hab ich das noch reineditiert.


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